Andacht

Alles von der Straße …

…  in Gedanken hin und her

 

erstens

Kirche am Hellweg ist heute der nüchterne Name und die Postanschrift. In ihren Anfängen sagte ihr Name, was sie war: eine Täuferkirche. Der Name trat in den Hintergrund. 

Lange war sie Kirche Brackel, jetzt heißt sie Kirche am Hellweg. Sie ist damit zu ihrem eigentlichen Anfang, the very beginning zurückgekehrt.

Kirche am Hellweg ist eine Kirche an der Straße. Ohne die Straße wäre sie nicht.

Die Straße ist älter als die Kirche ...

Und was die Menschen von der Straße mitgebracht haben, aus der einen wie der anderen Richtung, das taucht im Alltagstonfall auf, wie man in Brackel so redet:

wenn du ins Dorf gehst, guck mal, was die Leute sagen...

Und natürlich in den Kirchenbüchern, die sind voll von Vorgängen und Entscheidungen, die immer mit der Welt zu tun haben, die über die Straße hergekommen ist. 

Ohne Straßen wären wir nicht in der Welt. Und das wird zur Geschichte dieser Kirche.

Nicht alles findet Resonanz in der Kirche, d.h. hier in der Gemeinde; wenn Ansinnen und Vorhaben gelingen, ist man zufrieden, wenn nicht, gibt‘s einen Schuldigen.

So war es immer schon.

So war es mit den Maulbeerbäumen 1791. Der Kirchhof sollte nicht nur als Begräbnisplatz dienen, sondern auch als – Versuchsfeld für Seidenbau (aus Th. Bräcker, S. 90).

Welch eine Verlockung! In Soest könne man Maulbeerbäume, also Setzlinge, kaufen, sie statt der Linden auf den Kirchhof pflanzen und am Ende mit der Seidenweberei Geld verdienen. Und reich werden. Und berühmt. Aber leider ...

Man wollte es nicht glauben, dass ausgerechnet in Brackel kein geeigneter Boden sei ...

denn anderenorts wurde es probiert und funktionierte. Allerdings nur ca. 30 Jahre –

es lag am Wetter, hier ist es nicht warm genug. Eine späte Einsicht.

Aktuell war's der Küster. Er habe sich nicht genug gekümmert. Das bestritt er, ein Nebenverdienst wäre ihm durchaus recht gewesen...

                    Kirche am Hellweg: die alte Salzstraße ist nicht die Seidenstraße.

 

zweitens

Weben ist ein uraltes Handwerk. Fäden werden gespannt von oben nach unten und das Weberschiffchen trägt die Fäden hin und her. Fäden aus Wolle, Leinen, Seide. Zu Tüchern, Decken, Umhängen, Gewändern. Schützen vor Kälte, vor Sonne, kleiden nach Mode und schmücken zum Fest.

Der Mensch ist ein ungewärmtes Wesen, schreibt SAID in: Psalmen –

Was wären wir ohne Tücher? – Nackt!

 

Weben ist ein altes Wort für hin- und hergehen, für sich bewegen, sagt der Duden –

ein Bild-wort. Für Menschen. Sie bleiben nicht auf der Stelle stehen, sie gehen hin und her begegnen anderen, grüßen einander, rufen sich zu, ihre Wege kreuzen sich. Sie gehen hin und her wie ein Weberschiffchen, wirken zusammen, weben an den Tüchern des Lebens, in die wir uns hüllen und andere. Tragen Mäntel und sind Mantel für di Welt.

Weben ist älter als die Baukunst, älter als unsere Kirche. Teppiche, Decken, Tücher, Gewänder – alles gewebt. Aber vergänglich, zerfallen zu Staub, wie die Menschen.

Die Kirche am Hellweg aber steht schon eine kleine Ewigkeit…

 

Wie ich auf Weben gekommen bin? Ganz einfach. Das Wort ist mir aufgefallen,

als ich einen Bibelvers las, einen aus der Apostelgeschichte, den Monatsspruch für Juli

 

                     Denn in Gott leben, weben und sind wir, Apg 17,27

Weben kommt drin vor, aber etwas unvermittelt, zum Stolpern.

Ich begebe mich auf die Suche, mit Hilfe einer Konkordanz, neudeutsch und digital mit Google, suche das Wort weben in der Bibel, wie oft kommt es vor und wie wird‘s gebraucht?

Weben – Webe – Weberschiffchen – ungenäht, von oben an gewebt –

Alles ist Handwerk, alles ist Bildwort zugleich.

Es sind nachdenkliche Worte von Königen und anderen Menschen, die auf ihr Leben zurückblicken. Zu Ende gewebt hab‘ ich mein Leben wie ein Weber …Jes. 30,12

Mein Leben, meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein Weberschiffchen… Hiob 7,9

Das habe ich mir vorgelesen. Und habe es im Ohr.

Und habe vor Augen all das Gewebte, die Tücher des Lebens, in die wir gewickelt werden, wie das eine Kind zu Beginn, und mit denen wir zugedeckt werden am Ende des Lebens… Die Tücher des Lebens, alle gewebt, von anderen vor uns und für uns. Und mit anderen für das Bündel Mensch, es zu tragen und selber getragen zu werden.…

Ich habe sie vor Augen, die Tücher, die uns kleiden, die Gewänder,

die vor Reichtum strotzen, Purpur und kostbares Leinen, was wir anderen nicht gönnen.

Ich habe vor Augen die Tücher des Elends, wie sie in Fetzen an den Menschen herunterhängen.

Ich habe sie vor Augen, die Tücher des Lebens. Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Und die Elendslappen und die Leichentücher. Und die versprochenen Kleider des Heils – alles gewebt.

 

Aus der Passionszeit 2021 habe ich noch ein textiles Gebet im Ohr, öfters gehört und vielfach gesprochen. Es gefällt mir:

Wir haben sie vor Augen, Gott,

die Menschenkinder –

Ach könnten wir doch sehen wie DU:

 

unter einer Decke mit DIR,

umhüllt von deinem Auftrag:

Nackte kleiden,

Masken nähen,

Liebe schneidern.

Mantel sein für diese Welt.

 

in Gott leben, weben und sind wir.  Apg 17,27

Weben – ich bin einem Handwerk gefolgt und eingetaucht in die biblische Welt.

Komme zurück zur Kirche am Hellweg.

Sehe die Tücher, rote Gaze, feine Tücher im Wind, die zur Tür geleiten, uns umspielen, schmeicheln, einladen … 

Sehe den Tisch gedeckt. Auf feinem weißen Leinen, gebügelt nach Leonardos Vorbild.

Tafelleinen zum Fest.

Schließe die Augen und stelle mir vor, die Kleider des Heils müssen weiß sein,

Mantelkleider, die aus der Wüste, nach einem sehr alten Schnittmuster: Engel …

 

Und noch etwas:

Kirche am Hellweg ist eine Kirche an der Straße. Ohne die Straße wäre sie nicht.

Die Straße ist älter als die Kirche ...

Noch älter ist, dass Menschen nicht stillsitzen können, sich hin und her bewegen, aus Neugier wie aus Not, sie gehen ihre Wege, legen Straßen an, schaffen Verbindungen, zweigen ab, kehren um und zurück. Ohne sie gäb' es keine Straße. Straßen, um Waren zu transportieren, Nachrichten, Träume und Kostbarkeiten, dem Leben entgegen zu gehen oder dem Leben zu entfliehen. …

 

in Gott leben, weben und sind wir.  Apg 17,27

Das Wort aus der Apostelgeschichte ist von der Straße. Und eigentlich nur ein Halbsatz aus einer Rede. Es wird erzählt, Paulus habe sie in Athen gehalten, eher bei Gelegenheit. Und weil er gefragt wurde. Können wir (mal) erfahren, was das für eine neue Lehre ist?

Vor einem Altar, der dem unbekannten Gott gewidmet war. Draußen, auf einem Markt hat Paulus geredet. Und das war sehr poetisch. Paulus hat es selber gesagt.

… in Gott leben, weben und sind wir; wie es einige Dichter bei euch gesagt haben…

Sicherlich ist vieles von der Rede mit dem Wind verweht, aber sie ist nicht in Vergessenheit geraten. Einige muss diese Rede sehr beschäftigt haben. Weil sie so poetisch war ;-) Vielleicht, weil für manche ein neuer Ton darin lag – immerhin wurde sie aufgeschrieben. Und weitergetragen – über die Straße…

Und ich glaube, im Monatsspruch klingt etwas davon an. Er heißt:

Gott ist doch nicht ferne von jeder und jedem von uns.

Denn in Gott leben, weben und sind wir.  Apg 17,27

 

 

Herzliche Grüße nach Brackel vom südlichen Stadtrand.

Und in alter Verbundenheit.

Ihre Christine Burkhardt