Andacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Autorin Susanne Niemeyer erzählt: „In einer Nacht im Juli, in einer ganz normalen Nacht, in der die Grillen zirpen und die Gräser rauschen, sterben ein Mann, eine Frau und ein Kind. Dunkelheit umfängt sie und keiner von ihnen weiß, was werden wird. Sie sind schließlich noch nie gestorben. Nach einer Weile gewöhnen sich ihre Augen an die Schwärze und am Ende, ganz am Ende ihres Blickfeldes meinen sie, ein Licht zu erkennen. „Sicher eine Sinnestäuschung“, denkt der Mann. „Ganz schön weit weg“, denkt die Frau. Das Kind denkt gar nichts, es geht einfach los. Sie kommen an ein Haus. Seine Fenster strahlen golden. Die Tür steht offen. Über der Tür hängt ein Schild. „Himmel“ steht darauf. „Wie albern“, denkt der Mann. Er war sein Leben lang pragmatisch veranlagt und dachte nicht daran, das jetzt aufzugeben. „Als ob der Himmel ein Haus sein könnte. Wie sollen denn da alle hineinpassen?“ Und er fühlt sich in dem bestätigt, was er schon immer gewusst hatte: dass es keinen Himmel geben kann, weil ein Himmel unlogisch ist. Also geht er weiter und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Auch die Frau bleibt zögernd vor dem Haus stehen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Die offene Tür verwirrt sie. Kann denn hier einfach jeder rein? Und wieso muss man selbst eintreten, gibt es niemanden, der einen hineinbittet? Wo ist Gott? Die Frau hat gelernt, dass er sie empfangen würde. Dass es ein Himmelstor gäbe und Engel. Und nun ist alles ganz anders. Die Frau ist sehr enttäuscht, so enttäuscht, dass sie sich weigert, hineinzugehen: „So nicht“, sagt sie und verliert sich im Dunkel der Nacht.

Das Kind hat viel Zeit gehabt, sich den Himmel auszumalen. Es war lange sehr krank gewesen. Wenn es im Bett lag, stellte es sich Einhörner vor, die unter Bananenpalmen grasten. Manchmal ritt es auf einem Adler. Engel begegneten ihm, die ebenfalls fliegen konnten und auch singen. Großmutter war dort und Stups, sein allererster Hund. Im Himmel gab es genug zu essen, auch die Sachen, die es jetzt nicht mehr essen konnte, weil sein Hals beim Schlucken wehtat und rot und entzündet war. Manchmal träumte das Kind davon, wie es eine riesige Brezel aß. Dann wieder schwamm es im Meer, ohne müde zu werden. Jeden Tag träumte das Kind einen anderen Traum und alle waren schön. Deshalb ist es nicht erstaunt, vor einem Haus zu stehen. Wer auf Adlers Flügeln reitet, betritt auch ein Haus, dessen Fenster leuchten. Neugierig geht es hinein, du siehst ihm hinterher, bis es verschwindet, aufgenommen vom Licht.“

... die Gedenk- und Feiertage im November sind oft Tage, die nicht nur ins Nachdenken bringen, sondern auch Trauer ausdrücken - und sie manchmal verstärken. So wichtig das sein kann - der Weg der Trauer, der Weg der Bewältigung schwieriger, ja traumatischer Erfahrungen im Leben kann auch weiter führen ... doch wie oft verstellen einem dunkle Gedanken und Gefühle diesen Weg - und wie oft stellt man sie selber dahin  ... auch an Trauer kann man sich gewöhnen ... und wie oft denkt man das, was der Mann in der obigen Geschichte denkt ... oder die Frau ... „Erwachsenengedanken“ ... wie oft denkt man, „was man halt so denkt“ ... wird enttäuscht von hohen persönlichen Erwartungen ... hört sehr auf das, was andere sagen ... und läuft Gefahr, sich zu verlieren ... im „Dunklen“. ...

„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ...“, sagt Jesus einmal, und er sagt das vielleicht viel doppelbödiger, hinter-gründiger und viel „weiter“, als man seine Worte im ersten Moment hört. „Wie die Kinder werden“ ist ein Gedanke, der mir auch beim Umgang mit Trauer oft durch den Kopf geht: unbefangen sein (oder wieder werden), unverstellt, mit dem Einsatz der ganzen Phantasie den eigenen Weg (und auch den Trauer-Weg) weiter gehen ... was für ein Gedanke ...

... Gedenktage können eine Chance sein: nach hinten gucken ... und doch nach vorne gehen ... sich vielleicht an die Hand nehmen lassen von diesem hinter-gründigen, liebevollen Jesus, der doch weiß, wie widersprüchlich das Leben ist ... und man kommt nicht einfach aus der Trauer heraus - sondern geht durch sie hindurch ... Schritt für Schritt ... warum nicht auch manchmal wie ein Kind?

JA

Einen neuen Anfang wagen

Eigene Grenzen sehen

und dafür gerade stehen

Eigene Träume wieder bejahen

und dafür einstehen

JA zu den Erinnerungen an das erlebte Glück

JA zu meinem Aufbruch

und zu den vielen Abschieden

JA zu meinem Weg

JA zu dem Wagnis des neuen Weges

mit der Gewissheit, dass es MEIN Weg ist,

obwohl so viel neben mir

wegbricht, abbricht

Und JA dazu,

dass ich mich heute und morgen

geborgen wissen darf

in der liebevollen Hand Gottes.

Andrea Auster

 

Mit herzlichem Grüßen von

Michael Bahrenberg, Krankenhausseelsorger für das Klinikum Westfalen