Andacht

’s ist Krieg! ’s ist Krieg!  - Ostern ist eine Zumutung

 

„Wer in einem Pfarrhaus aufgewachsen ist und von den Eltern aus der Bibel vorgelesen bekam, der kennt das Alte und das Neue Testament.  Doch wer in einem Pfarrhaus aufgewachsen ist, wird auch aufgefordert, die Bibel nicht bloß als literarisches Weltkulturerbe, als einen Teil des abendländischen Bildungskanons zu begreifen, sondern die darin beschriebenen Dinge tatsächlich zu glauben. Und das ist eine Zumutung.“ schieb die Journalistin Christine Rückert in der ZEIT.

‘Von allen Zumutungen – in diesem an Zumutungen reichen Buch – war für mich die letzte, die Behauptung der Auferstehung, das stärkste Stück. Und doch. Gerade die Auferstehungsgeschichte ist mir heute, da ich erwachsen bin, die liebste von allen.“

Ostern ist ein starkes Stück

Matthäus schreibt in seinem Evangelium: Der Engel am Grab sprach zu den Frauen, die zum Grab wollten: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.» Er wurde auferweckt. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat, und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferweckt ist. Und siehe, er geht euch vor nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt! «

Sie waren erschrocken und doch voller Freude. So schnell sie konnten, eilten sie zu den Jüngern. Es gab eine unglaubliche Botschaft, eine umwerfende Nachricht weiterzusagen. Das müssen alle wissen. Das Leben siegt, das Leben hat gesiegt.

ist Krieg

Wirklich? “ ’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre,
Nicht schuld daran zu sein!“

 

Mit diesem Zitat des Liedes von Matthias Claudius beginnt die Ev. Präses, Annette Kurschuss, ihre Rede auf der Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine, in Berlin. – Auferstehung – Leben? Nein, Tod, Sterben, Gewalt, Blutvergießen. Das ist die Realität dieser Tage. Flucht, Tränen, der Wunsch zu Überleben – das ist die Realität dieser Tage.

 

„O Gottes Engel wehre, und rede du darein!“ so rufen auch wir mit Matthias Claudius, im Gebet, wir klagen, bitten, hoffen, und immer wieder klagen und bitten. Tut doch was – Engel – Gott- gebiete Einhalt, stopp den Wahnsinn. Lass den Aggressor Putin zur Besinnung kommen!

 

Wir beten und hoffen und helfen, so gut wir können. Wir hoffen, gegen den Augenschein und spüren die Verzweiflung, leiden mit – können die Bilder im Fernsehen kaum ertragen.

 

Damals in Jerusalem. Das Vertrauen darauf, dass Unmögliches – nämlich die Auferstehung - vielleicht doch möglich ist, setzt unglaubliche Energien frei. Plötzlich gerät die Geschichte in Bewegung! Alles war zum völligen Stillstand gekommen, zuerst am Kreuz, dann im Grab, Stille, Todesstille. Nun aber, am dritten Tage, setzt der Engel alles und jeden in Bewegung. »Kommt,« sagt er, und er führt die Frauen ins leere Grab. Aber sogleich führt er sie auch wieder heraus: »Geht eilends, schnell, lauft!« Jesus ist hier nicht.

Das Wunder, das Mysterium, das Geheimnis des Lebens setzt sich durch. – Leben, Leben und immer wieder Leben – das ist die gewaltige und so schlichte Botschaft, die Botschaft wider alle Hoffnungslosigkeit.

In diesen Tagen, in denen ich diesen Text schreibe, erleben wir aber Tod, Sterben, Morden, Zerstören – wie kann man da noch an Ostern glauben?

Ostern, die Auferstehung wird noch einmal zur Zumutung. Das unbeschwerte Feiern fällt schwer – zumindest den älteren Erwachsenen.

Stehen wir zur Auferstehung auf

 

Ich kann Ostern nicht vollmundig denken und glauben. Ich kann nicht vollmundig das Leben preisen. Es geht ums Überleben, Weiterleben, Leben, und nicht Sterben. Und im Überleben, dem Glück eines weiteren Tages, einer weiteren Woche, in diesem Glück passiert möglicherweise Auferstehung, ganz klein, ganz bescheiden. Dieses Erleben wünsche ich in diesen Tagen sehr vielen Menschen, in der Ukraine – und auf der Flucht – und bei uns, dass sie leben, einfach nur überleben, und dann diese kleine bescheidene Erfahrung machen – Auferstehung im Leben.

 

Marie Luise Kaschnitz hat in ihrem so bekannten Ostergedicht diese Erfahrung so zum Ausdruck gebracht:

 

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut.

 

Nur das Gewohnte ist um uns.

Keine Fata Morgana von Palmen

Mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen.

 

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken

Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht

Und dennoch unverwundbar

Geordnet in geheimnisvolle Ordnung

Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

 

Paul Gerhard Stamm